Dresden: Kantor bricht zum Orgelmarathon auf
› von Administrator • Dienstag, 09. März 2010 • Aufrufe 136 • Keine Kommentare
Der Kantor der Frauenkirche Matthias Grünert bereitet sich schon jetzt auf den Orgelmarathon im August vor.Foto: SZ/Marion Gröning
An der Orgel in der Dresdner Frauenkirche steht ein einzelner schwarzer Tanzschuh aus weichem Leder. „Den anderen hat man mir geklaut“, sagt Matthias Grünert. Der Kantor ist ratlos über so viel Unverfrorenheit und überlegt laut, ob er ihn nicht bei Ebay wiederfindet. Schließlich bräuchte der Kantor den Schuh jetzt dringend – um ihn auf den Pedalen seiner Orgel förmlich durchzutanzen.
Am verbliebenen Exemplar führt er vor, warum er zum Orgelspielen Tanzschuhe trägt. Die Ledersohle ist besonders biegsam, der ganze Schuh wunderbar leicht. Bei seinem Händler des Vertrauens hat er schon ein neues Paar geordert. Für sein neuestes Vorhaben kann er das auch gut gebrauchen: Im Sommer will er einen Orgelmarathon bestreiten. In fünf Tagen spielt er in 42 verschiedenen Kirchen des Erzgebirges. Los geht es am 12. August in Freiberg, die Schlussakkorde verklingen am 16. August in Schwarzenberg. Es wird Grünerts zehnter Dauerlauf der Orgelmusik sein. Jedes Jahr setzt der enthusiastische Organist einen neuen Höhepunkt.
Klotzen, nicht kleckern
Matthias Grünert liebt Steigerungen, sonst wird ihm langweilig. Beim ersten Konzertmarathon im Jahr 2004 gab es 32 Konzerte, und in jeder Kirche spielte er das gleiche Stück. „Diesmal wird die reine Spielzeit rund 25 Stunden betragen, und ich werde kein Stück doppelt spielen“, kündigt Grünert stolz an. In bis zu zehn Kirchen täglich lässt er sich chauffieren, um pro Gotteshaus eine halbe Stunde bei freiem Eintritt zu konzertieren. Ein Kunstabenteuer mit Eventcharakter – das ist ganz nach dem Geschmack des 36-Jährigen.
Die eigentliche Idee, die dahinter steckt, ist jedoch, leere Kirchen wieder zu füllen und die Orgel, die Königin der Instrumente, als traditionelles Kircheninstrument wiederzubeleben. Für volle Bänke sorgt Grünert in der Hauptsache in der Frauenkirche. Mit der Weihe am 30. Oktober 2005 begann sein Job als Frauenkirchenkantor ganz offiziell. Sein Motto auch hier: klotzen, nicht kleckern. Das gesamte kirchenmusikalische Programm sowie die Gottesdienste und Andachten meistert er mit dem großen Laienchor, dem Kammerchor und dem Ensemble Frauenkirche. „Natürlich hatte ich Angst, dass viele Mitglieder vom Laienchor nur für den Festzeitraum dabei bleiben“, sagt er. „Aber das war nicht der Fall, und ich bin dankbar, dass alle so mitziehen.“
Grünerts Konzept lautet, neben altbekannten Dauerbrennern der Kirchenmusik so viel Neues wie nur möglich zu präsentieren. Dabei setzt er den Schwerpunkt auf die Zeiten des Spätbarocks und der Frühklassik. Johann Sebastian Bach ist für ihn das A und O der Kirchenmusik. Seine Kompositionen sind für ihn Klänge, die scheinbar nur für die Frauenkirche geschaffen wurden. „Hier blühen die Farben der Musik so richtig auf, das Licht der Kirche wirkt wunderschön. Das Gesamtpaket passt einfach. Da geht einem schon das Herz auf“, schwärmt er.
Musikangebot reduziert
Grünert grub aber auch vergessene Werke von Felix Draeseke oder Gabriel Fauré aus. Nicht immer zieht das Publikum mit. „Das Requiem von Draeseke kennt eben kein Mensch, da waren die Verkaufszahlen im Keller“, musste Grünert erkennen. „Was die Auslastung angeht, sind wir wirklich total verzogen“, gesteht er. „2005/2006 waren wir fast zu einhundert Prozent ausverkauft.“ Heutzutage werden diese Zahlen selbst in der berühmten Frauenkirche nicht mehr erreicht. Von Januar bis März und im November hat Grünert das musikalische Angebot deshalb reduziert.
Seine Pläne für den Rest der Spielzeit sind nach wie vor überbordend: Alle Kantaten von Joseph Haydn und alle Messen von Mozart will er demnächst zu Gehör bringen. Die Kirchenmusik ist sein Weg. Viel reicht ihm nicht, es muss mehr sein. Da bleibt wenig Zeit für seine Frau, seine kleine Tochter und für ihn selbst. Erholung? „Dafür reicht mir ein Picknick an der Elbe“, sagt er.
von Bianca Deutsch
Text: Administrator
Bild: SZ
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