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Dresden: Schicksal Zwangspfändung

› von Administrator • Mittwoch, 10. März 2010 • Aufrufe 182 • Keine Kommentare

 

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Simone und Steffen Schön (Namen geändert) gehen täglich an ihrem alten Wohnhaus vorbei. Wegen hoher Mietschulden ließ der Vermieter ihre Wohnung nicht nur zwangsräumen, sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut pfänden. Foto: SZ/Marion Gröning


Simone und Steffen Schön blicken traurig auf ihre alte 137 Quadratmeter große Wohnung in der Blasewitzer Straße, in der sie seit 1999 wohnten. Sie leben heute in einer leeren Plattenbauwohnung Die ist schön und zweckmäßig. Noch vor Monaten hätte Simone ganz anders gesprochen.

Weil sie in finanzielle Not gerieten und Mietschulden aufliefen, wurde der Familie zwangsgeräumt. Der Vermieter hat ein Pfandrecht ausgeübt – alle Sachen der Familie mussten in der alten Wohnung bleiben. Seit sechs Wochen verfügt die Familie deshalb weder über Möbel noch Kleidung. Dem zweieinhalbjährigen fehlt sein vertrautes Spielzeug. Laut Mieterverein ist dies einer der ersten Fälle, in denen die wohl härteste Form der Pfändung in Dresden vollzogen wurde, eine Form, wie sie in anderen Städten vor allem gegen Mietnomaden angewendet wird. Das sind die Schöns nicht.

Wir haben Fehler gemacht

Den Schöns ist ihre Situation peinlich. Sie möchten unerkannt bleiben. Ihre Namen wurden deshalb geändert. Über ihr Schicksal sprechen sie trotzdem. „Wir haben viele Fehler gemacht“, sagt Simone. Der Blick ihrer dunklen, sonst sehr fröhlich wirkenden Augen, wird für einen Moment starr.

Die Härte, die sie erfahren, ist ihnen zuviel. Seit sechs Wochen habe der Vermieter selbst die Herausgabe der wichtigsten Kindersachen abgelehnt, sagt Steffen Schön (52). Der Streit darüber nimmt bizarre Züge an. So hält der Vermieter sogar Plüschtiere, Figuren aus Überraschungseiern und Märchenbücher nicht „für Gegenstände im Rahmen einer bescheidenen Lebensführung.“ Das sieht das Paar anders und zog vor Gericht. Sie hoffen, dass das Dresdner Amtsgericht ihnen heute Recht gibt und sie ihre Sachen zurückbekommen.

Das hoffen sie besonders für ihren Sohn. Der blond gelockte Junge ist der ganze Stolz der Familie. Doch mit ihm hat der ganze Schlamassel angefangen. Simone und Steffen, beide Bauingenieure, leben seit 1992 zusammen. Sie haben erfolgreich als Fachberater und Verkaufstrainer für große Elektronikkonzerne gearbeitet. Simone war sogar die einzige Frau im 30-köpfigen Win-Team von Samsung. Stets schick im schwarzen Hosenanzug bekleidet, war sie viel auf Reisen. „Wir wollten beide keine Kinder, weil wir glaubten, dass dies mit unserem Beruf nicht zu vereinbaren wäre“, sagt sie.

Das Schicksal wollte es anders. Sie wurde mit 42 Jahren plötzlich schwanger – und beide haben sich für das Kind entschieden: „Das bereuen wir nicht.“ Doch in der Schwangerschaft gab es Probleme. Simone musste ab dem vierten Monat im Krankenhaus liegen, um das Kind nicht zu gefährden. Ihrer Arbeit konnte sie nicht mehr nachgehen und ihre private Krankenversicherung übernahm nur einen Teil der Kosten. Ihren beruf konnte sie nicht mehr ausübern.

Fast zeitgleich habe auch der Stress mit dem Vermieter, einer Familie aus Göttingen, begonnen. „Wir sollten sehr hohe Betriebskosten nachzahlen“, sagt Steffen Schön. Am Ende einigten sie sich auf einem Kompromiss. Weil es mit dem bisherigen Beruf nicht mehr klappte, begann Simone Schön mit dem Aufbau einer eigenen Telekommunikationsfirma. Der Start brauchte seine Zeit. Für das neue Büro mussten sie zusätzlich Miete zahlen. Die Kosten wuchsen dem Paar über den Kopf.

„Als wir 2009 in Mietrückstand kamen, hat das der Vermieter sofort ausgenutzt und uns gekündigt“, sagt Steffen Schön heute. Damals verheimlichte er die Mietschulden und zahlreichen Mahnungen vor seiner Frau. Er wollte sie so schützen. Als letztlich das Gericht über die Räumung entscheiden sollte, verpasste er sogar den Gerichtstermin.

Seit April 2009 habe die Familie ihre Miete nicht mehr bezahlt, sagt der Anwalt des Vermieters, Steffen Illig. Er habe sich mit dem Familienvater mehrmals zusammengesetzt, um eine Ratenzahlung und einen Auszugstermin zu vereinbaren. Doch dieser habe die getroffenen Vereinbarungen nie eingehalten. Selbst die angekündigte Zwangsräumung im November sei nochmals verschoben worden. Für ihn ist erschreckend, dass Simone Schön bis zur Zwangsräumung nicht gewusst habe, wie kritisch es aussieht. „Als wir mit dem Gerichtsvollzieher vor der Tür standen, war sie völlig überrascht.“

Spielzeug fürs Kind

Auch im Sozialamt hat sich die Familie nicht gemeldet. „Wir haben beide Male nach der Ankündigung der Zwangsräumung versucht, mit der Familie Kontakt aufzunehmen, sie aber nicht angetroffen. Auf unsere Nachricht mit der Bitte um Vorsprache hat sie nicht reagiert“, sagt Gabriela Scholz vom Sozialamt. Ohne Mithilfe der Betroffenen sei es leider nicht möglich gewesen, zu helfen. Im vergangenen Jahr wurden in Dresden 667 Zwangsräumungen angezeigt, 230 davon konnten verhindert werden.

„Unterstützung haben wir inzwischen von der Arge erhalten“, sagt Simone Schön. Ihre neue Firma entwickle sich immer besser. Heute will die Familie noch ihre Sachen zurück und nicht länger über Kinderbücher, Rutschauto, Plüschtiere und Maltafel streiten.

von Bettina Klemm

Text: Administrator
Bild: SZ

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